EU zwingt Google: Android muss für Konkurrenz-KI öffnen
Wenn du auf deinem Android-Smartphone „Hey Google“ sagst, landet die Anfrage automatisch bei Gemini – egal, welche andere KI-App du installiert hast. Genau diesen Automatismus hat die EU-Kommission jetzt aufgebrochen. Am 16. Juli 2026 hat Brüssel zwei rechtlich bindende Entscheidungen gegen Google erlassen, die Android für konkurrierende KI-Assistenten öffnen sollen. Was steckt dahinter, was ändert sich konkret – und was bedeutet das für dich als Nutzer?
Der Hintergrund: Warum die EU Google unter Druck setzt
Die Europäische Union hat in den vergangenen Jahren ihre Regulierungsmuskeln im Technologiesektor erheblich gestärkt. Herzstück dieser Bemühungen ist der Digital Markets Act (DMA), ein Gesetz, das seit 2023 für sogenannte „Gatekeeper“ gilt – also für Unternehmen, die aufgrund ihrer Marktstellung als digitale Torwächter fungieren. Google zählt zu diesen Gatekeepern, und Android fällt unter die strengen Regeln des DMA.
Das Grundproblem aus Sicht der Wettbewerbshüter: Gemini ist auf nahezu allen Android-Geräten vorinstalliert, eng ins Betriebssystem eingebunden und kann Dinge, die Drittanbieter-Apps schlicht nicht dürfen – etwa per Weckwort aktiviert werden oder auf Bildschirminhalte zugreifen. Anbieter wie ChatGPT oder Claude bekommen auf Android bislang nur den Status einer gewöhnlichen App – ohne die tiefe Systemintegration, die Gemini genießt.
Das zugrunde liegende Verfahren läuft nicht neu: Bereits 2018 musste Google im Rahmen eines EU-Kartellverfahrens einen Auswahlbildschirm für die Standard-Suchmaschine einführen. Die jetzige Entscheidung geht aber einen entscheidenden Schritt weiter, weil sie erstmals konkrete technische Vorgaben für KI-Assistenten macht.
Was Google jetzt konkret tun muss
Am 16. Juli 2026 hat die EU-Kommission zwei verbindliche Spezifizierungsbeschlüsse nach dem DMA erlassen – keine neuen Gesetze, sondern konkrete Vorgaben dazu, wie Google bereits geltende DMA-Pflichten umzusetzen hat:
Beschluss 1 (Artikel 6(7) DMA): Google muss elf definierte Android-Funktionen für konkurrierende KI-Assistenten öffnen. Dazu zählen unter anderem die Aktivierung per eigenem Weckwort auf Betriebssystemebene, der Zugriff auf Bildschirm- und App-Inhalte, die Ausführung von Aktionen über mehrere Apps hinweg (etwa das Verfassen einer E-Mail oder das Anlegen eines Termins in mehreren Schritten) sowie der Zugang zu Gerätekontext und dem On-Device-Modell Gemini Nano. Nutzer sollen künftig einen Assistenten ihrer Wahl als Standard festlegen und ihn – vergleichbar mit „Hey Google“ – per Sprachbefehl starten können, etwa um eine Fahrt zu buchen oder einen Ort zu suchen.
Beschluss 2 (Artikel 6(11) DMA): Google muss anonymisierte Ranking-, Anfrage-, Klick- und Ansichtsdaten aus der Google-Suche mit berechtigten Wettbewerbern teilen. Es handelt sich dabei um anonymisierte Daten, nicht um persönliche Suchverläufe.
Der Zugang zu den neuen Funktionen ist nicht bedingungslos: Nur Anbieter, die bestimmte Sicherheits- und Datenschutzkriterien erfüllen, erhalten die entsprechenden Berechtigungen.
Der Zeitplan
- Die elf Android-Funktionen müssen spätestens mit Android 18 bis zum 1. August 2027 bereitstehen.
- Die parallele Erkennung mehrerer Weckwörter verschiedener Assistenten folgt erst mit Android 19, spätestens bis zum 1. August 2028.
- Die Weitergabe der anonymisierten Suchdaten soll bereits ab Januar 2027 beginnen.
Das Verfahren war im Januar 2026 eröffnet worden und endete nach sechs Monaten nicht mit einem Bußgeld, sondern mit einem detaillierten Pflichtenheft, wie Google die Öffnung technisch umzusetzen hat.
Was das für Android-Nutzer bedeutet
Für dich als Android-Nutzer könnte diese Entscheidung spürbarer sein, als es auf den ersten Blick scheint – allerdings erst ab 2027. Sobald die Vorgaben greifen, könntest du einen Drittanbieter-Assistenten als Standard festlegen und diesen per Sprachbefehl aktivieren, ganz ohne Umweg über eine separate App. Mit Zustimmung könnte dieser Assistent dann auch auf Bildschirm- und App-Inhalte zugreifen sowie mehrstufige Aufgaben erledigen – etwa Informationen aus mehreren Apps zusammenführen oder einen Termin anlegen.
Praktisch heißt das:
- Sprachsteuerung per eigenem Weckwort wird für Drittanbieter-Assistenten möglich – allerdings zunächst nur einzeln, die parallele Erkennung mehrerer Assistenten kommt erst ein Jahr später.
- KI-Assistenten von Drittanbietern könnten tiefer ins System eingreifen, etwa Apps öffnen oder App-übergreifende Aufgaben übernehmen – Funktionen, die bislang nur Gemini vorbehalten waren.
- Wer Wert auf europäische, datenschutzfreundlichere KI-Alternativen legt, bekommt mittelfristig eine echte Wahl auf Systemebene statt nur eine zusätzliche App.
Falls dir die Systemintegration von Gemini schon heute zu weit geht, kannst du Googles KI-Funktionen bereits jetzt einschränken oder deaktivieren – unabhängig davon, wie sich der Wettbewerb künftig entwickelt.
Die Perspektive der Hersteller
Für Smartphone-Hersteller wie Samsung, Xiaomi oder OnePlus ergeben sich durch die neuen Vorgaben zusätzliche Möglichkeiten. Bislang waren OEMs bei der KI-Integration stark an Googles Vorgaben für die Google Mobile Services (GMS) gebunden. Mit offeneren Systemschnittstellen könnten Hersteller künftig leichter eigene oder Partner-KI-Lösungen tiefer integrieren, etwa in Verbindung mit Sprachassistenten wie Samsungs Bixby. Bestätigte konkrete Pläne einzelner Hersteller gibt es dazu bislang aber nicht – das bleibt vorerst Spekulation.
Mit mehr Freiheit wächst zugleich die Verantwortung: Hersteller müssen sicherstellen, dass die KI-Integration – unabhängig vom Anbieter – sicher, performant und datenschutzkonform bleibt, gerade weil es um tiefe Systemzugriffe geht.
Interessant ist zudem, dass die EU-Kommission die Umsetzung nicht dem freien Ermessen überlässt, sondern mit klaren Fristen und technischen Kriterien versieht. Das unterscheidet die aktuelle Entscheidung von früheren, eher allgemein gehaltenen DMA-Vorgaben. Für Google bedeutet das konkreten Entwicklungsaufwand: Elf Schnittstellen müssen bis 2027 stabil, sicher und für Drittanbieter nutzbar gemacht werden, ohne dass dabei Datenschutz oder Gerätesicherheit auf der Strecke bleiben. Branchenbeobachter werten das als Test dafür, ob sich Plattformöffnung und Sicherheit tatsächlich miteinander vereinbaren lassen – oder ob Google in der praktischen Umsetzung Wege findet, den Wettbewerbsvorteil von Gemini trotz der neuen Regeln zu erhalten.
Googles Reaktion und der größere Kontext
Google hat sich in der Vergangenheit nicht begeistert über zunehmende EU-Regulierung gezeigt, ist rechtlich aber zur Umsetzung verpflichtet. Wie technisch offen oder restriktiv Google die Vorgaben am Ende auslegt, bleibt abzuwarten – der Konzern hat bei früheren DMA-Auflagen wiederholt Spielräume zu seinen Gunsten genutzt.
Google steht mit diesem Thema nicht allein: Auch Apple gerät im Rahmen des DMA unter Druck, iOS für Drittanbieter-Dienste zu öffnen – ein Thema, das etwa im Zusammenhang mit Siri, Gemini und der KI-Integration auf iPhones immer wieder aufkommt. Die gesamte Big-Tech-Branche befindet sich in Europa in einem regulatorischen Wandel, der die Machtverhältnisse auf dem digitalen Markt langfristig verschieben könnte – parallel zu anderen aktuellen EU-Themen wie der Debatte um mehr digitale Regulierung in Europa.
Ein langer Weg zu mehr Vielfalt auf Android
Die EU-Entscheidung vom 16. Juli 2026 ist mehr als ein bürokratischer Akt aus Brüssel – sie ist der bislang konkreteste Versuch, Googles KI-Vorsprung auf Android per Verwaltungsakt zu verkleinern. Mehr Auswahl, tiefere Integration von Drittanbieter-KIs und mehr Wettbewerb sind die potenziellen Gewinne für Nutzer. Spürbar wird davon aber vorerst nichts: Die wichtigsten Fristen liegen erst 2027 und 2028, und wie kreativ Google die technische Umsetzung am Ende gestaltet, ist offen. Für technikaffine Nutzer, die sich mehr Kontrolle über ihr Gerät wünschen, ist die Richtung trotzdem ein gutes Zeichen.
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