Disney+ AirPlay abgeschaltet: Patentstreit mit InterDigital eskaliert
Wer Disney+ auf seinem iPhone oder Mac abonniert hat und gewohnt war, Inhalte bequem per AirPlay auf den Fernseher zu streamen, erlebt gerade eine böse Überraschung: Disney+ AirPlay funktioniert in Deutschland nicht mehr. Offiziell hat Disney dazu bislang geschwiegen, doch der Hintergrund ist inzwischen bestätigt – und er hat einen Namen: InterDigital. Der Patentstreit zwischen dem US-Konzern Disney und dem Patent-Lizenzunternehmen InterDigital eskaliert, und die Leidtragenden sind die Abonnenten.
Was ist passiert? Disney+ AirPlay plötzlich tot
Seit dem 11. September 2026 häufen sich Berichte von Nutzern, dass sich Disney+ AirPlay nicht mehr nutzen lässt. Das drahtlose Übertragen von Inhalten vom iPhone, iPad oder Mac auf einen kompatiblen Fernseher oder Apple TV schlägt seitdem einfach fehl. Erst kürzlich war bereits Chromecast-Casting betroffen gewesen – seit dem 4. September 2026 lässt sich Disney+ in Deutschland und den Niederlanden nicht mehr per Google Cast auf den Fernseher übertragen. Nun folgt also AirPlay.
Besonders ärgerlich aus Nutzersicht: Disney hat weder vorab informiert noch eine offizielle Erklärung geliefert. Wer die Cast-Funktion nutzen wollte, sah stattdessen eine irreführende Fehlermeldung, die nach einer Art Geoblocking aussah – dabei steckt ein Gerichtsurteil dahinter. Eine transparente Kommunikation seitens Disney? Fehlanzeige.
Das steckt dahinter: Der Patentstreit mit InterDigital
Der Grund für den AirPlay-Ausfall liegt im schwelenden Rechtsstreit zwischen Disney und dem US-Unternehmen InterDigital. InterDigital ist kein klassisches Technologieunternehmen, das Produkte baut – es ist ein Patent-Lizenzunternehmen, das Rechte an Technologien hält und Lizenzen an Hersteller und Dienstleister vergibt.
Konkret geht es um das Patent EP 2 080 349 mit dem Titel „Sharing multimedia content in a peer-to-peer configuration“. Dieses Patent beschreibt Technologien zur nahtlosen, geräteübergreifenden Videowiedergabe – also genau das, was beim Casten vom Smartphone auf den Fernseher passiert, egal ob über Chromecast oder AirPlay. Das Patent stammt ursprünglich von Sony Ericsson, liegt heute aber in den Händen von InterDigital.
Am 2. September 2026 hat die Düsseldorfer Lokalkammer des Einheitlichen Patentgerichts (UPC) im Verfahren UPC_CFI_297/2025 entschieden, dass Disney dieses Patent verletzt. Das Gericht bestätigte die Gültigkeit des Patents und sprach InterDigital eine Unterlassungsverfügung zu. Das Verbot gilt für Deutschland und die Niederlande und betrifft das Web-Streaming im Chrome-Browser sowie die Disney+-Apps für Windows, macOS, Android und iOS. Disney kann Berufung einlegen.
Es ist bereits die achte Unterlassungsverfügung, die InterDigital seit Februar 2025 gegen Disney erstritten hat – eine bemerkenswerte Bilanz, die zeigt, wie aggressiv InterDigital vorgeht.
101,7 Millionen Euro Schadensersatz gefordert
Als ob die verlorenen Funktionen nicht genug wären, verschärft sich der Streit auf einer zweiten Ebene: InterDigital hat beim Landgericht München I eine Schadensersatzklage über 101,7 Millionen Euro eingereicht (Aktenzeichen 7 O 8870/26). Grundlage ist ein weiteres HDR-Patent (EP 2 132 923), das die Nutzung von High Dynamic Range beim Video-Streaming beschreibt.
Der geltend gemachte Zeitraum reicht vom deutschen Start von Disney+ im März 2020 bis zur einstweiligen Verfügung im November 2025 – also rund fünfeinhalb Jahre, in denen Disney+ laut InterDigital die Technologie ohne gültige Lizenz genutzt hat. InterDigitals Chief Legal Officer Josh Schmidt betonte, man würde eine einvernehmliche Lösung vorziehen, doch die Forderung spiegele nur einen Teil des Schadens wider. Von einer bevorstehenden Einigung ist bislang nichts bekannt.
Was Disney+ in Deutschland bereits alles verloren hat
Der aktuelle AirPlay-Verlust ist kein Einzelfall, sondern der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Serie von Funktionsverlusten. Disney+-Abonnenten in Deutschland haben in den vergangenen Monaten Schritt für Schritt Features verloren:
- Dolby Vision: Abgeschaltet nach einer Entscheidung des Landgerichts München I im November 2025
- HDR vollständig: Nach Dolby Vision fehlt mittlerweile HDR im deutschen Angebot komplett
- 4K auf Apple TV 4K: Da Disney auf den VP9-Codec auswich, läuft der Streamingdienst auf Apple TV nicht mehr in 4K – denn Apple unterstützt VP9 nicht nativ
- Chromecast-Casting: Seit dem 4. September 2026 in Deutschland und den Niederlanden nicht mehr möglich
- AirPlay: Seit September 2026 ebenfalls deaktiviert
Die Frage, die sich Patrick im Kommentarbereich eines Tech-Blogs stellte, trifft es auf den Punkt: Was darf ich als Disney+-Abonnent eigentlich noch? Die Antwort wird mit jedem Gerichtsurteil kürzer.
Was bedeutet das technisch – und warum trifft es AirPlay?
Wer sich fragt, warum AirPlay überhaupt von einem Urteil zu „Peer-to-Peer Multimedia-Sharing“ betroffen sein soll, dem sei ein kurzer technischer Einblick gegönnt: Sowohl Chromecast als auch AirPlay nutzen Protokolle, bei denen ein Gerät (Smartphone, Laptop) dem Wiedergabegerät (TV, Lautsprecher) sagt, welchen Inhalt es abspielen soll und wie. Technisch beschreibt das Patent EP 2 080 349 genau diese Art der Synchronisation von Medieninhalten zwischen verschiedenen Endgeräten – und damit sind beide Technologien betroffen.
Die Düsseldorfer UPC-Verfügung vom 2. September zielt also nicht auf eine einzelne Funktion, sondern auf das Prinzip der geräteübergreifenden Medienwiedergabe als solches. Solange Disney keine Lizenz erwirbt, dürfte jede weitere Casting-Technologie ähnlich schnell verschwinden.
Wer ist InterDigital eigentlich?
InterDigital ist in Deutschland kein Haushaltsname, spielt aber in der globalen Technologiebranche eine gewichtige Rolle. Das Unternehmen hält Tausende von Patenten, vor allem im Bereich drahtloser Kommunikation und Multimedia-Technologien, und lizenziert diese an große Konzerne. Zu den Kunden zählen Mobilfunkhersteller, Chiphersteller und Plattformbetreiber weltweit. Dass InterDigital jetzt gegen Disney vorgeht, zeigt: Streaming-Dienste geraten zunehmend ins Visier von Patent-Lizenzgebern, die in der Vergangenheit vor allem die Hardware-Seite ins Visier nahmen.
Der Rechtsstreit mit Disney läuft nicht nur in Deutschland – parallel gibt es Verfahren in Brasilien und den USA. Das zeigt das Ausmaß des Konflikts: Es handelt sich nicht um einen regionalen Streit, sondern um eine globale Auseinandersetzung um Lizenzgebühren in Milliardenhöhe.
Wie geht es weiter?
Disney hat prinzipiell zwei Möglichkeiten: Entweder zahlen – also eine Lizenz mit InterDigital vereinbaren – oder kämpfen, also Berufung einlegen und die Patente anfechten. Letzteres ist zeitaufwendig und kostspielig, und die bisherige Erfolgsbilanz von InterDigital vor Gericht spricht nicht gerade für Disney.
Für Abonnenten ist die aktuelle Situation schlicht unbefriedigend: Sie zahlen monatlich für einen Service, der immer mehr Funktionen verliert, ohne darüber informiert zu werden. Sollte Disney den Streit nicht bald durch ein Lizenzabkommen beilegen, droht nicht nur weiterer Funktionsverlust, sondern auch eine Welle an Sonderkündigungen – denn wer einen Premium-Tarif für bessere Bildqualität und komfortables Casting bezahlt, bekommt beides gerade nicht mehr.
Bemerkenswert ist dabei, dass Disney+ die Preise zuletzt erhöht hat, während die gebotenen Funktionen schrumpfen. Das ist ein kommunikativer Totalausfall, der das Vertrauen der Nutzer nachhaltig beschädigen kann.
Disney+ AirPlay – ein Symptom eines größeren Problems
Die Abschaltung von Disney+ AirPlay ist kein technisches Versehen, sondern die direkte Folge einer aggressiv geführten Patentstrategie. InterDigital hat in kurzer Zeit acht Verfügungen gegen Disney erstritten und fordert über 100 Millionen Euro Schadensersatz – mit guten Karten, wenn man die bisherigen Gerichtsurteile als Maßstab nimmt.
Für Abonnenten bedeutet das: Wer Disney+ derzeit hauptsächlich über Casting-Technologien nutzt, sollte entweder auf eine direkte HDMI-Verbindung oder einen nativen Smart-TV-App ausweichen. Und wer ohnehin überlegt, seinen Streaming-Stack zu überdenken, findet mit Netflix und Apple TV+ aktuell Dienste, die von solchen patentrechtlichen Problemen verschont geblieben sind.
Wie sich der Streit entwickelt, bleibt abzuwarten. Doch solange Disney und InterDigital keinen Weg zueinander finden, zahlen die Abonnenten die Zeche – mit immer weniger Funktionen für immer mehr Geld.
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